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Die Wege der WG Weierbühlweg

Das Haus am Weierbühlweg 4 in Köniz hat eine turbulente Vergangenheit hinter sich. Seit 1989 ist es ein wichtiger Ort für Menschen, die eine neue Zukunftsperspektive suchen. Dank viel Pioniergeist und Engagement entwickelte sich das Projekt von einer Wohngemeinschaft für Obdachlose zu einem betreuten Zuhause für Suchtabhängige.

«Der Schnee fiel früh im Winter 1988», erinnert sich Elisabeth Widmer an die Geburtsstunde der Aktion Bettwärme, aus der die WG Weierbühlweg entstand: «Der Schnee fiel so früh, dass Rosmarie Nick, Heinz Fischer und ich einen Ort suchen wollten, an dem die obdachlosen Gäste der Prairie die kalten Nächte verbringen konnten.»

Die drei initiativen Leute waren Mitarbeitende im Offenen Haus La Prairie der katholischen Pfarrei Dreifaltigkeit. In dieser altehr-würdigen Campagne an der Sulgeneckstrasse unterhalb der kleinen Schanze wurde zwar – und wird auch heute noch – Essen an Obdachlose ausgeteilt. Das Haus schloss aber um 23 Uhr die Türen. Romarie Nick bezog einen dreimonatigen Urlaub und ging mit Unterstützung der beiden anderen an die Verwirklichung der Idee: «Wir wollten aus rein mitmensch-lichen Gedanken und Gefühlen handeln, erst einmal Räumlichkeiten und Mitarbei-tende finden und uns danach um die Finanzierung kümmern.»

Wenige Wochen später, Mitte November 1988, hatte Elisabeth Widmer die Zusage für 18 Betten im Saisonnier-Haus der Firma Frutiger an der Looslistrasse 25 in der Tasche. «Sinnigerweise startete unsere Notschlafstelle kurz vor Weihnachten in Bethlehem. Nur Betten genügten jedoch nicht. Innert weniger Wochen mussten Mitarbeitende gesucht, ein Hüteplan für die ersten Wochen erstellt, ein definitives Konzept erarbeitet und die Finanzierung sichergestellt werden», erinnert sich Rosmarie Nick an die hektische Startphase. Noch vor der Eröffnung am 20. Dezember 1988 erhielt die Trägerschaft der Aktion Bettwärme, der Verein Freundeskreis Prairie, finanzielle Unterstützung der Stadt Bern sowie der Sozialwerke von Pfarrer Ernst Sieber aus Zürich.

Dass das Angebot einem Bedürfnis entsprach, belegt der erste Auswertungsbericht: Schon ab Mitte Januar waren die Betten meist ausgebucht. Sieben Franken fünfzig bezahlten die Obdachlosen für Übernachtung inklusive Nachtessen und Frühstück. Der Bericht beschreibt auch das Zusammenleben: «Wir möchten versuchen, soweit dies möglich ist, wie eine Grossfamilie zu leben, in der jede/r ihren/seinen Beitrag leistet. Es soll allen wohl sein.»

Ein Highlight für Elisabeth Widmer war die Zusammenarbeit mit den Behörden: «Die Stadtregierung war offen für das Thema, immer wieder stiessen wir auf offene Türen.» Schon Ende Februar 1989 gelangte die Aktion Bettwärme wieder an die Behörden. Die Saisonnier-Unterkünfte mussten für neue Arbeiter geräumt werden. «Wir wollten die Obdachlosen nicht einfach auf die Strasse stellen und suchten erneut eine Unterkunft. Eine nicht ganz einfache Sache,» schildert Rosmarie Nick und noch heute legt sich ihre Stirn in Sorgenfalten. Rechtzeitig bot die Stadt Bern Hand und die Obdachlosen konnten vorübergehend in den Zivilschutzkeller im Tscharnergut einziehen, bevor sie im Juli 1989 in ein weiteres Provisorium an der Bottigenstrasse 47 und 49 zügelten.

Vom Zügeln etwas müde, entstand die Vision einer definitiven Bleibe. Unter dem Motto «Unmögliches möglich machen» suchte und fand eine Gruppe ein Haus für die Obdachlosen – das Haus am Weierbühlweg 4 in Köniz. Heinz Fischer verhandelte mit Banken und sorgte zu Beginn sogar mit seinem Privatvermögen für die Finanzierung. «Da das Projekt in einem enormen Tempo entstand, mussten wir uns manchmal mit `handglismeten’ Lösungen begnügen», beschreibt Elisabeth Widmer die unkonventionellen Wege des Projekts. Für die Finanzierung fand sich noch rechzeitig eine gute Lösung: Im September kauften die Sozialwerke Pfarrer Ernst Sieber das Haus, für die Betriebskosten kam die Stadt Bern und später die Gemeinde Köniz auf.

Um die Wohngemeinschaft am Weierbühlweg zu tragen, gründeten Elisabeth Widmer und Heinz Fischer die Stiftung für Berner Obdachlose und stellten vier Mitarbeitende für die Betreuung an. Angela Beatrice Wolf, eine der ersten Mitarbeiterinnen, erinnert sich lachend an den Arbeitsbeginn: «Heinz Fischer und Elisabeth Widmer luden uns zu einem selber gekochten Festessen ein. Wer denkt bei einem Obdachlosenprojekt schon an einen solch gediegenen Einstieg.» Der Start schien geglückt.

Die Zweier- und Dreierzimmer am Weierbühlweg füllte sich schnell mit Leben. Alles war neu, das Team leistete rundum Pionierarbeit, wie sich Esther Gisel erinnert: «Wir hatten freie Hand, der Stiftungsrat war offen für unkonventionelle Ideen.» Etwas, das sie auch dem heutigen Team wünscht: «Obwohl die Auseinandersetzungen nicht immer einfach waren...» Diskutiert wurde von Pensionskassenwahl übers Abschliessen der Küche bis zur Hausordnung. Bestand die erste Fassung aus fünf Sätzen, umfasste die zweite schon mehrere Seiten.

Obdachlosigkeit bedeutete damals noch nicht Arbeitslosigkeit. Etliche Bewohnerinnen und Bewohner gingen einer geregelten Arbeit nach und konnten die 750 Franken für Kost und Logis selber bezahlen. «Die älteren Clochards machten jedoch einem immer jüngeren Publikum Platz», schildert Esther Gisel eine der Veränderungen während ihrer vierjährigen Zeit in der WG. Weil sich die Wirtschaftslage zunehmend verschlechterte, gestaltete sich die Integration der Bewohnerinnen und Bewohner in den Arbeitsprozess immer schwieriger. Elisabeth Widmer engagierte sich in ihrer Freizeit für die Arbeitssuche: «Oft ging ich persönlich von Arbeitgeber zu Arbeitgeber und versuchte sie für mein Anliegen zu gewinnen.»

Wieder griff das Team zur Selbsthilfe – die Idee der internen Arbeitsprojekte war geboren. Der neue Mitarbeiter Beat Christ trieb dies voran: «Arbeitslose Bewohnerinnen und Bewohner konnten für einen Stundenlohn im Haus oder Garten arbeiten.» Unterstützung erhielten sie von den ersten beiden Praktikanten für Sozialarbeit: Elmar Boschung als ehemaliger Schreiner sorgte für professionelle Umbauarbeit und Paolo Richter als Velofreak zog ein Velorecycling auf, aus dem 1993 der Drahtesel entstand.

Immer noch wohnten psychisch kranke Menschen, Verwahrloste, Alkohol- und Drogenabhängige unter einem Dach. «Ein wilder Haufen», beschreibt Beat Christ: «Die Bedürfnisse unterschiedlich und die Betreuung komplex. Wir mussten uns neu positionieren und entschlossen uns für die professionelle Betreuung von Suchtmittelabhängigen.» So wurde aus dem Haus für Obdachlose ein betreutes Angebot für Suchtmittelabhängige.

« Schade, dass wir keine Einzelzimmer haben. Sonst wäre das Leben hier super», hiess es immer wieder von Bewohnerinnen und Bewohnern. Das Team und die Bewohnerinnen und Bewohner legten Hand an. 1996 bauten sie alle Mehrbettzimmer in Einzelzimmer um. Bessere Rückzugsmöglichkeiten waren nun gewährleistet, was die Wohnqualität enorm steigerte, erinnert sich Beat Christ. Überzeugt war er während seiner fünfjährigen Arbeitszeit auch von den guten Rahmenbedingungen: «Die Crew war motiviert und in einem gesunden Mass selbstkritisch. Zudem war die Zusammenarbeit mit dem Stiftungsrat gut.»

Um die neuen Arbeitsprojekte Gump- und Drahtesel in den Namen zu integrieren, wurde 1998 aus der Stiftung für Berner Obdachlose die Stiftung für Berner Wohn- und Arbeitsprojekte. Sie war es auch, die im April 1999 das Haus am Weierbühlweg 4 den Sozialwerken Pfarrer Ernst Sieber abgekauft hat. Das Haus, das nun seit 15 Jahren Menschen in schwierigen Lebenssituationen nicht nur ein Dach über dem Kopf bietet, sondern auch Boden unter den Füssen gibt.

Zur Professionalität der Institution gehört auch ein vierjähriger Leistungs-vertrag mit der Gemeinde Köniz. In guter Zusammenarbeit mit der lokalen Verwaltung deckt die WG Weierbühlweg soziale Bedürfnisse einer Gruppe von Menschen ab, die sonst kaum zu Wohnstruktur kommen. Doch im Zuge von Reorganisationen und der aktuellen Sparwelle werden die Aufgaben im Sozialbereich in der Schweiz neu verteilt. Noch ist unklar, ob ein Programm wie die WG von Köniz weiterbetrieben werden, ob der Kanton Bern der neue Auftraggeber wird und ob dieses Angebot von Staates wegen in Zukunft überhaupt noch unterstützt werden wird.

Das WG-Team hat aufgrund der aktuellen Bedürfnisse sein Angebot überprüft und wird künftig als Wege Weierbühl weiterarbeiten mit Wohnbetreuung über das Haus hinaus. Ehemalige Bewohnerinnen und Bewohner sollen auch nach ihrem Auszug gecoacht werden, um den Sprung in die normale Wohnwelt besser zu schaffen. Doch solange keine neuen Verträge unter Dach und Fach sind, kann das WG-Team sein Angebot nicht in diese Richtung verbessern.

 

Die Generation der Gründer

Auch Pfarrer Sieber sass damals im Garten der WG Weierbühlweg
 

 

   
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